Kunst im Dorf

Ein Modellprojekt im Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum

Ein Kunstprojekt im Kontext kommunaler Planung in der Gemeinde Hohenstein

Beim Ausbau von Straßen, Wegen und Plätzen wird in der Regel von funktionalen Anforderungen ausgehend geplant. Dabei werden kulturelle, historische oder soziale Belange oft nur am Rand beachtet. Im Rahmen von “Kunst Im Dorf” sollten Aspekte, die sonst übergangen werden, durch KünstlerInnen aufgegriffen, in die Planung einfließen.
Im Rahmen eines beschränkten künstlerischen Wettbewerbs von Juli 2002 bis November 2002 entwickelten sechs KünstlerInnen/teams aus dem Bundesgebiet Konzepte, die an die Planungen in der Gemeinde anknüpften. Der Sommer 2002 in Hohenstein war spannend. Die KünstlerInnen Ulrike Böhme (Stuttgart), Brigitte Braun / Betina Panek (Reutlingen), Katja Heinecke / Reinhard Krehl (Leipzig), Matthias Schmidt (Potsdam), Boris Sieverts (Köln), Francis Zeischegg (Berlin) waren über Wochen abwechselnd in der Gemeinde präsent. Es kam ein lebendiger Kommunikationsprozess zwischen den Projektbeteiligten, vor allem aber zwischen den BewohnerInnen Hohensteins und den KünstlerInnen in Gang.
Die Bevölkerung war von Beginn an in das Kunstprojekt miteinbezogen. Nicht nur Besonderheiten im Verfahren, sondern auch die unmittelbare Umsetzung von Anregungen aus der Bevölkerung führten zu einem dynamischen Projektablauf. Die “Offene Runde” bot Kontaktmöglichkeiten zwischen KünstlerInnen, Bevölkerung und anderen Projektbeteiligten. Die insgesamt neun “Offenen Runden” waren der Rahmen, in dem Beteiligte Kritik und Anregungen zum Projektablauf einbrachten, in dem Künstlergespräche geführt werden, in dem es Begegnungen zwischen Alteingesessenen und Hinzugezogenen oder zwischen Bewohnern verschiedener Ortsteile gab. Und es wurde viel gelacht.
Nach den Präsentationen der KünstlerInnen sprach die Projektgruppe ihre Empfehlung aus. Ein Bürgervotum wurde eingeholt und in die Empfehlung mit eingeflossen. Es gab eine Ausstellung der eingereichten künstlerischen Konzepte im Rathaus.

Mit Ulrike Böhmes „Hohenstein Tisch“ und Boris Sieverts „Labyrinth und Prärie“ wurden seit März 2003 zwei Projekte realisiert, die auf je unterschiedliche Weise auf die räumliche Situation und die örtliche Identität in Hohenstein Bezug nehmen. Beide Projekte spiegelten die aktuelle künstlerische Diskussion um den öffentlichen Raum wider. Beide Projekte waren prozesshaft angelegt und bezogen die Bevölkerung maßgeblich in die Realisierung mit ein.
Ulrike Böhmes Konzept “HohensteinTisch” stellt mit Hilfe eines wandernden Tisches eine Verbindung zwischen den fünf Dörfern her. Ein Dorf wird dem anderen Dorf den Tisch übergeben. Für ein Jahr bleibt dann der Tisch jeweils am Ort. Die Überbringung des Tisches wird im Rahmen eines Festes als Ritual gestaltet. Eine Zwölfer-Runde bestehend aus je zwei Vertretern eines Dorfes, dem Bürgermeister und der KünstlerIn konzipieren den Ablauf der Tischübergabe. Am 6.September 2003 wurde der Tisch zum 1. Mal festlich aufgestellt.
Boris Sieverts erklärt in seiner Arbeit „Labyrinth und Prärie” das gesamte „durchlässige Territorium“, gemeint sind Durchgänge zwischen Häusern über Privatgrundstücke, zum eigentlichen “Dorfplatz”. Sein Projekt bietet den Dorfbewohnern ungewöhnliche Perspektiven auf ihre vertraute Umgebung, deckt räumliche Zusammenhänge auf und macht sie sinnlich erfahrbar. Sieverts arbeitet mit dem Stadtplaner Dipl.-Ing. Clemens Künster zusammen.
Im Rahmen eines Festes am 6./7. September 2003 wurde der “Hohenstein-Tisch” aufgestellt und das “Labyrinth” als “Lichterfest hinter den Häusern” inszeniert.
Das Projekt “Kunst im Dorf” ist in dreierlei Hinsicht ungewöhnlich:

  1. Während im städtischen Bereich häufiger künstlerische Wettbewerbe in Verbindung mit kommunalen Planungen durchgeführt werden, findet man diese Praxis in kleineren Gemeinden selten.
  2. Für Wettbewerbe sonst eher unübliche Planungskontexte (Ortsdurchfahrt, Dorfentwicklungsplanung) stehen in Hohenstein in Verbindung mit dem Kunstprojekt.
  3. Sowohl vor dem Hintergrund neuer künstlerischer Arbeitsweisen als auch vor dem Hintergrund des Anspruchs der Bürgerbeteiligung werden Verfahrensweisen probiert, die für das Gelingen die erforderlichen Bedingungen schaffen.

KünstlerInnen rückten Fragen und Aspekte ins Licht, die sonst unbemerkt bleiben und übergangen werden. Dadurch konnten ortsspezifischere Gestaltungslösungen gefunden werden. Dies erleichtert es den Einwohnern, sich stärker mit der Gemeinde zu identifizieren. Die zukünftige Entwicklung der Gemeinde kann durch diesen Zugewinn an Identifikation und Attraktivität wichtige Impuls in die Zukunft erhalten.
“Kunst im Dorf” wird getragen von der Gemeinde Hohenstein. Es wird vom Ministerium für Ernährung und Ländlicher Raum Baden Württemberg im Rahmen des Entwicklungsprogramms Ländlicher Raum (ELR) gefördert


Der HohensteinTISCH

Ein Projekt von Ulrike Böhme

Hohenstein ist eine Gemeinschaft, die aus den fünf Albdörfern Bernloch, Eglingen, Meidelstetten, Oberstetten und Ödenwaldstetten besteht. Eine gemeinsame Mitte gibt es nicht.
Aber eine Gemeinschaft braucht eine gemeinsame Plattform, ein gemeinsames Symbol ihrer Zusammengehörigkeit.
Die Idee: Hohenstein bekommt ein Ritual, das die Gemeinschaft Gemeinsames tun lässt, außerhalb des Alltags steht, inne halten lässt.
Ein Tisch ist das Symbol.
Vom Altar bis zum Stammtisch formuliert ein Tisch den Ort, an dem sich eine Gruppe von Menschen versammelt. Da es kein gemeinsames Zentrum gibt, an dem der Tisch für immer aufgestellt werden kann, wird dieser Tisch wandern – immer nur ein Jahr an einem Ort. Auf einer Plattform stehen 12 Stühle im Rechteck. Ist der TISCH am Ort, bilden sie zusammen das Symbol für die Gemeinschaft, verlässt der TISCH den Ort, bleibt in der Mitte zwischen den Stühlen der leere Ort.

Der Akt des Umzuges ist ein Akt mit Bedeutung und Sinn. Der TISCH wird von der Gemeinschaft eines Dorfes einer anderen gebracht. Er wird besonders transportiert, gedeckt und wird wie ein Gastgeschenk überreicht.
Ein gemeinsames Essen im “neuen Dorf” an dem TISCH schließt das Ritual ab.

TISCHfest

www.ulrike-böhme.de

HohensteinTISCH in Ödenwaldstetten


Broschüre “Kunst im Dorf”

Broschüre Kunst im Dorf - Teil 1


Broschüre Kunst im Dorf - Teil 2


Leitfaden “Kunst im Dorf”

Broschüre "Kunst im Dorf"

Am Ende dieser Seite finden Sie die einzelnen Teile der Broschüre als Downloads zum herunterladen.

Teil 1: Grussworte
Willi Stächele, Minister für Ernährung und Ländlichen Raum
Jochen Zeller, Bürgermeister Gemeinde Hohenstein

Teil 2: Einführung
Das Projekt
Die Gemeinde
Die Planung
Die Kunst

Teil 3: Konzeption
Zielsetzungen
Einbindung der Akteure
Schnittstellen
Instrumente
Zeitlicher Ablauf

Teil 4: Projektverlauf Vor Ort 2002
Künstlerische Konzeptentwicklungen
Der Start
Die Beteiligung der Bevölkerung
Die KünstlerInnen vor Ort
Die Entscheidungsfindung für die Realisierung von Kunstkonzepten

Teil 5: Künstlerische Konzepte
“auf offener Strasse” – Francis Zeischegg
“Dorfplatz” – B. Braun / B. Panek
“Steinfeld” – Matthias Schmidt
“Labyrinth und Prärie” – Boris Sieverts
“HohensteinTisch” – Ulrike Böhme
“Hohenstein Atlas” – k. Heinecke / r. Krehl

Teil 6: Projektverlauf Vor Ort 2003
Realisierungen
“HohensteinTisch” – Ulrike Böhme
“Labyrinth und Prärie” – Boris Sieverts

Teil 7: Anhang
Leitfaden – Zeitplanung
Leitfaden – Kostenplanung
Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR)

Zur Broschüre

Die Broschüre dokumentiert den Verlauf des Projekts „Kunst im Dorf”. Darüber hinaus enthält sie Anregungen und Hilfestellungen für Gemeinden in Baden-Württemberg, die Kunstprojekte im Kontext kommunaler Planung initiieren wollen.

Im Text laufen drei inhaltliche Ebenen parallel: die dokumentarische Ebene, die Kommentarebene und die Leitfadenebene.

Die dokumentarische Ebene folgt in ihrem Bericht der Projektchronologie. Überschriften erleichtern das Querlesen.

Die Kommentarebene, kursiv gedruckt, bilden Zitate aus den Erfahrungsberichten der Projektbeteiligten. Zusätzlich kommentieren Schlagzeilen und Presseausschnitte den Ablauf.

Die Texte des Leitfadens sind jeweils mit einem Zeichen markiert. Da jedes Kunstprojekt, der Situation vor Ort angepasst, andere Bedingungen hat, will der Leitfaden kein verbindliches Schema liefern. Die Leitfadentexte sind als Anregung bei der Durchführung von Kunstprojekten im Kontext kommunaler Planung zu verstehen.


Teil 1: Grussworte


Teil 2: Einführung


Teil 3: Konzeption


Teil 4: Projektverlauf Vor Ort 2002


Teil 5: Künstlerische Konzepte


Teil 6: Projektverlauf Vor Ort 2003


Teil 7: Anhang